Rundgang 2

 2. Markgrafenzeit

Das Bayreuth der Markgrafen - das ist es auch heute noch, was die Stadt ausmacht. Die Prachtbauten der Residenzstadt, die strengen Parkanlagen des Barock, die verspielten Blüten- und Rankendekorationen des Bayreuther Rokoko, die charakteristischen Markgrafenkirchen. Markgraf Christian begründete 1603 diese Epoche, indem er den Regierungssitz von der Plassenburg bei Kulmbach nach Bayreuh verlegte. Das Alte Schloß wurde seine Residenz, er ließ es weiter ausbauen.

 

Doch erst die preußische Prinzessin Wilhelmine, die Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, brachte die berühmtesten Künstler und Handwerker Europas nach Bayreuth: Baumeister und Maler, Sänger, Schauspieler und Tänzer, Philosophen, Theologen und Dichter bevölkerten den markgräflichen Hof. Königin von England hätte Wilhelmine werden sollen, doch aus politischen Gründen wurde sie in die Provinz geschickt. Für die Provinz war das ein Glücksfall. Die Glanzzeit markgräflicher Bautätigkeit begann.

 

Die intelligente, emanzipierte, kunstbegabte Wilhelmine weckte das unbedeutende Städtchen Bayreuth aus seinem Dornröschenschlaf. Sie verpasste dem schlichten Gesicht der Stadt einen Schminkkurs und verlieh ihm jenen Glanz, von dem Bayreuth noch heute zehrt. Mit der Errichtung des prachtvollen Opernhauses setzte sich die Markgräfin ein Denkmal spätbarocker Baukunst, heute ein Kunstwerk von europäischer Bedeutung - ein Rausch von Formen und Farben!

 

Eine Feuersbrunst verhilft Wilhelmine und ihrem Gatten Friedrich zu einem neuen, standesgemäßen Domizil. Weil das Alte Schloss weitgehend zestört wurde, plant Hofarchitekt Saint-Pierre für Wilhelmine einen repräsentativen Bau neuen Stils: an der markgräflichen Reitbahn entsteht ein Neues Schloß. Friedrich der Große, der Bruder der Bauherrin, wollte den Neubau gar nicht sehen: "Weiß schon, (es ist ) ein Schafstall!" Äußerlich ein klassizistischer Bau, im Innern eine Rokoko-Residenz mit intimer, wohnlicher Atmosphäre. Mit Zimmern für jede Laune der Markgräfin: Spalierzimmer, chinesische Kabinette, Musikzimmer, Zedernsaal, Spiegelkabinett. Napoleon hat hier übernachtet, vor dem Einfall nach Rußland, der sein Ende einleitete.

 

Heute erfreut sich das Neue Schloß großer Beliebtheit, wenn die Bayerische Staatsregierung alljährlich nach der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele zum Staatsempfang einlädt. Seit kurzem haben im Erdgeschoß die kunstvollen Erzeugnisse der St.Georgener "Porcellain Fabrique", die Bayreuther Fayencen, einen würdigen Rahmen gefunden.

 

Bergkristalle und bunte Glassteinchen glänzen in der Sonne. Der Lenker der Quadriga hält stolz seine Fackel in die Höhe: der Sonnentempel in der Eremitage zu Bayreuth. Als Friedrich der Große seine Schwester in Bayreuth besucht, fährt er über die heutige Königsallee zur Eremitage hinaus vor die Stadt. Wilhelmines Lustgarten entwickelt sich zu einer der bedeutendsten Gartenparkanlagen Deutschlands. Ideenreich, verspielt, melancholisch und ein wenig dekadent - so läßt hier die Markgräfin, die nach Höherem strebt, japanische Kabinette, Musikzimmer und andere Prachtexemplare höfischer Baukunst des Rokoko entstehen. "Man bauet zu Bareith ein dolles eremitage", schreibt 1718 Kurfürst Lothar Franz von Schönborn.

 

Und Unrecht hatte er sicher nicht. In romantischer, waldreicher Umgebung, zwischen künstlich geschaffenen Ruinen und Reminiszenzen an die römische Klassik verfaßt Wilhelmine ihre Memoiren. Daneben musiziert sie, komponiert, malt und tritt im römischen Ruinentheater sogar als Schauspielerin auf ; ihr Partner ist Voltaire. Heute nutzt die Stadt das reizvolle Ambiente einmal im Jahr für ein rauschendes Sommernachtsfest, das Besucher aus Nah und Fern gleichermaßen anzieht. Neckische Wasserspiele, Kaskaden und Springbrunnen bieten aber auch in der übrigen Zeit ein Schauspiel für die Augen von Touristen und Einheimischen.

 

In unmittelbarer Nähe der Innenstadt kann der gestresste Stadtmensch von heute beschauliche Erholung im stillen Hofgarten finden. Als Garten im englischen Stil, als Landschaftsgarten, wurde der frühere Barockgarten ebenfalls von Markgräfin Wilhelmine ausgebaut. Kunstvolle Beete und Alleen entstanden, ein Kanal mit Blumeninseln schmückt bis heute die "Grüne Lunge" mitten in der Stadt.

 

Bayreuths prachtvollster Straßenzug: die Friedrichstraße. Wer diese Straße mit offenen Augen entlanggeht, spürt auf Schritt und Tritt den Geist des markgräflichen Hofbauamtes. Nach einheitlichen Vorlagen wurden dort Bürgerhäuser neben Adelspalais geplant, Steuerbefreiungen erleichterten das Bauen.

 

So entstand in wenigen Jahrzehnten das schönste Gebäude- und Straßenensemble der Markgrafenzeit. In direkter Verlängerung dieser Prachtstraße nach Süden das markgräfliche Jagdschloß mitten im ehemaligen Thiergarten. Damals tummelten sich dort Damhirsche und Fohlen, heute gehört der repräsentative Bau mit seinen Nebengebäuden der Stadt Bayreuth. Sie hat das Schloß als Hotel verpachtet, in dem man speisen, trinken und übernachten kann wie zu Zeiten der Markgrafen. Erinnerung an die markgräfliche Zeit auch im Stadtteil St. Georgen, geometrisch streng geplante und kunstvoll angelegte Vorstadt mit Ordens- und Stiftskirche, Friedhof, markgräflichem Schloß und 24 gleichartigen Häusern mit Walmdächern am Marktplatz. Am Ufer des Brandenburger Weihers legte Erbprinz Georg Wilhelm diese Siedlung an. Es entstand eine Fayencemanufaktur. Ihre Erzeugnisse sind heute begehrte Raritäten für Sammler. Vergangen ist diese merkantilistische Unternehmung, vergangen die rauschenden Feste im Freilichttheater am See. An die Seeschlachten der markgräflichen Kriegsflottille erinnern nur noch die engen Häuschen in der Matrosengasse in St. Georgen und einige Schiffsmodelle im Stadtmuseum.

 

Doch zurück in die Innenstadt. In markgräflicher Zeit wurde auch die Spitalkirche errichtet. Vornehm und heiter steht sie am Unteren Markt. Mit ihrer frühklassizistischen, reich gegliederten Sandsteinfassade eine der originellsten Kirchen Frankens. Im Innern ein prächtiger Kanzelaltar, Wahrzeichen markgräflicher Kirchenbaukunst. Anfang des 15. Jahrhunderts errichtete man hier das "Hospital". Bis zu 3 Dutzend "arme Leute", d.h. Pflegebedürftige, wurden versorgt. Heute wohnen hier Studenten der Bayreuther Universität. Im Schatten der Stadtkirche wölbt sich in langgezogenem Bogen die Kanzleistraße. Wie aus einem Guß wirkt das Gebäude der ehemals markgräflichen Kanzlei. Doch der Schein trügt: in 240 Jahren entstand dieses Bauwerk Zug um Zug aus 10 Bürgerhäuser, die einst hier standen. Sinnbild für die Ausdehnung der Verwaltung bis in unsere Zeit. Auch heute noch wird dieses Gebäude durch die Verwaltung genutzt, durch die Regierung von Oberfranken.

 

zurück     weiter