Universitätschronik

Chronik der Universität Bayreuth 1969-2015, bearbeitet von Marco Hedler in Zusammenarbeit mit Johannes Böhm und Karsten Kühnel (abgedruckt in: Neue Wege denken : 40 Jahre Universität Bayreuth  / Universität Bayreuth. [Hrsg.: der Präsident der Univ. Bayreuth. Red.: Elisabeth Steiger] . - 1. Aufl. . - Bayreuth : Univ. . - 2015; S. 206-217):

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Geschichtlicher Abriss zur Lehrerbildungsanstalt und Pädagogischen Hochschule Bayreuth

Die Königliche Lehrerbildungsanstalt zu Bayreuth (1895-1918)

In historischer Hinsicht ist die Königliche Lehrerbildungsanstalt Bayreuth die institutionelle Wurzel der Universität Bayreuth. Seit ihrer Eröffnung am 2. Oktober 1895 lässt sich eine fortwährende Linie bis zur Errichtung der Universität mit Wirkung vom 1. Januar 1972 und weiter bis zur Eingliederung der Zweiten Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg als Fachbereich in die Universität Bayreuth am 1. Oktober 1975 ziehen. Dass die Anstalt überhaupt nach Bayreuth kam, war der protestantischen Tradition der früheren Markgrafschaft und den Schwankungen konfessionell bestimmter Bildungspolitik im Königreich Bayern geschuldet, die sich in den 1810 neu erworbenen Gebieten des heutigen Mittel- und Oberfranken besonders spürbar auswirkten. Bereits 1813 hatte Johann Baptist Graser in Bayreuth ein Supplementärinstitut zum Bamberger Lehrerseminar eingerichtet, in dem Lehrer ohne Trennung der Konfessionen herangebildet wurden. Diese freisinnige Haltung erlag bald der aufkommenden Konfessionalisierungsströmung, so dass die protestantische Lehrerausbildung 1825 nach Altdorf verlegt wurde. In den 1870er Jahren führte eine Liberalisierung auf diesem Gebiet zu einer vorübergehenden interkonfessionellen Unterrichtung in Bamberg, bis auch diese wieder erlosch, so dass die katholischen Studenten in Bamberg verblieben, für die protestantischen aber die Lehrerbildungsanstalt in Bayreuth eröffnet wurde.

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Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium Bayreuth, vormals Gebäude der Lehrerbildungsanstalt und des Deutschen Gymnasiums; errichtet 1895 (Foto: Karsten Kühnel, 2015)

Für die Lehrerbildungsanstalt wurde zwischen 1892 und 1895 ein ausladender Repräsentativbau errichtet, „eine der stattlichsten Lehrerbildungsanstalten in ganz Deutschland“, wie es in Bayreuth verlautbart wurde.[1] Heute befindet sich darin das Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium. In diesem Gebäude in der Königsallee verblieb nun über Jahrzehnte eine Einrichtung, die das oberfränkische Volksschulwesen maßgeblich prägte, die als zentrale Ausbildungsstätte über lange Zeit in Gestalt einer Internatsschule entscheidend auf die geistige und erzieherische Orientierung von Generationen von Pädagogen einwirkte.

In den ersten beiden Jahren bestand die Lehrerbildungsanstalt aus nur zwei Jahrgangsstufen, so genannten „Kursen“. Die dreijährige Vorbereitung erhielten die künftigen Seminaristen an den „Präparandenschulen“, die über den Obermainkreis verteilt waren. Die jüngsten dieser Präparanden waren erst 13 Jahre alt. Die 51 Schüler, mit denen die Lehrerbildungsanstalt am 2. Oktober 1895 ihren Betrieb aufnahm, waren von den Präparandenschulen in Bamberg, Kulmbach und Wunsiedel gekommen. Während die Schule in Wunsiedel nach dreißigjährigem Betrieb 1897 geschlossen wurde, erhielt der Norden des Kreises erstmals 1907 eine Präparandenschule in Münchberg. In Bayreuth selbst wurde die Vorbereitung zum Lehrerstudium ab 1897 möglich, als die Lehrerbildungsanstalt um den drei Jahrgangsstufen umfassenden Unterbau erweitert wurde, der ein vollständiges Lehramtsstudium hier möglich machte. Eine eigene Seminarschule, die 1910 ein neues Gebäude erhielt, ermöglichte auch räumlich eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Die 1912 für das Königreich beschlossene Intensivierung der Lehrerbildung wurde in Bayreuth zum Schuljahr 1914/15 vollzogen, indem die Studiendauer von insgesamt fünf auf sechs Jahre erhöht wurde. Doch nur wenige Monate später brachte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs Einschränkungen im Lehrbetrieb. Die Kriegsbegeisterung machte auch vor Bayreuth nicht halt, und so meldeten sich bereits 1914 nicht nur Lehrer, sondern auch 66 der jungen Studierenden freiwillig für den Fronteinsatz. Schon bald wurde das Anstaltsgebäude zum Lazarett und ein Teil der Seminaristen musste zum Abschlusskurs nach Schwabach ausweichen. Aus den Zensurenbüchern der Anstalt geht hervor, dass Studierende noch im August 1918 einberufen wurden, um – wie Gerhard Rauch aus Gefell – in der Marine der britischen Seeblockade zu trotzen.

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Universitätsarchiv Bayreuth, Akz. XIV/1/K 4 (Ausschnitt)

Lehrerbildungsanstalt und Hochschule für Lehrerbildung (1919-1945)

Der Gründungsdirektor Dr. Georg Hübsch übergab die Leitung 1919 an seinen Nachfolger Heinrich Opitz, der der Schule bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft vorstand. Von 1923 an war die Volksschullehrerausbildung Oberfrankens nurmehr in Bayreuth zentralisiert. Die letzte Präparandenschule, die noch in Münchberg existiert hatte, war nun aufgelöst und in die Lehrerbildungsanstalt eingegliedert worden.

Seit den 1920er Jahren kam es im Gefolge der massiven gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Ende der Monarchie, von Norddeutschland ausgehend, zu einem Überdenken der Anforderungen an die Inhalte der Lehrerbildung. Dabei gelangte man zu der Überzeugung, vom schulischen Charakter weg und hin zu einem wissenschaftlichen Studium gelangen zu müssen, was zu einer Akademisierung der Einrichtungen und Kurrikula führte. Unter dem dritten Direktor, Dr. Eduard Kolb, der die Anstaltsleitung 1934 übernommen hatte, kam es zunächst zu deren Auflösung. Am 26. Oktober 1936 wurde dann die neue „Hochschule für Lehrerbildung“ feierlich eröffnet. Dieser neue Typ einer Lehrerbildungseinrichtung war der für das ganze Reich einheitlich vorgegebene. Das Studium darin umfasste vier Semester, während davor vier Jahre in einer allgemeinbildenden Aufbauschule zu verbringen waren. Diese Aufbauschule, die zur Hochschulreife führte, war in etwa der Typus einer kultur- und sprachwissenschaftlich ausgerichteten Fachoberschule. In Bayreuth war sie mit der Hochschule im gleichen Gebäude. Hochschulen für Lehrerbildung gab es außer in Bayreuth in Bayern nur noch in München und Würzburg. Erneute Änderungen der Ausbildungsform, die den zu erwartenden besonderen Kriegsanforderungen bereits frühzeitig entgegen kamen, erfolgten durch den Erlass des Reichserziehungsministeriums zur Umwandlung der Hochschule in eine vierklassige (später fünfklassige) Lehrerbildungsanstalt, woraus in Bayreuth 1941 eine Lehrerinnenbildungsanstalt wurde. Kolb blieb der Leiter der Einrichtung. Aus der Sicht der Pädagogen war diese Entwicklung eine Katastrophe. Die perspektivenreiche Professionalisierung durch ein Hochschulstudium wurde auf Betreiben der Parteileitung der NSDAP kurzerhand rückgängig gemacht. Otto Engelmayer beschrieb die Folge dieser Entscheidung als den Beginn einer chaotischen Entwicklung der Lehrerbildung im ganzen Deutschen Reich, schließt bei seiner Bewertung allerdings auch den Kriegsausgang und die personellen Folgen der Entnazifizierungsverfahren und zahlreichen Dozentenentlassungen mit ein.[2] Auch Eduard Kolb musste 1945 seinen Hut nehmen.

Lehrerbildungsanstalt und Institut für Lehrerbildung (1946-1958)

Bereits im September 1946 erlaubte die amerikanische Besatzungsmacht die Wiederaufnahme des Unterrichtsbetriebs. Der von den Nationalsozialisten verfolgte Sozialdemokrat und Pädagoge Oswald Merz sollte als Oberstudiendirektor die Leitung der Anstalt übernehmen. Er unterlag jedoch vor dem geplanten Amtsantritt den gesundheitlichen Folgen seiner Inhaftierung im KZ Dachau.

Die Lehrerbildungsanstalt von 1946 hatte zunächst wieder auf die Lehrpläne von 1931 zurückzugreifen, bevor die notwendige ideologische Rekonvaleszenz der deutschen Pädagogik begann und in neuen Lehrinhalten mündete. Im September 1949 wurde die bereits 1936 beim Modell der damaligen Hochschulen für Lehrerbildung angestrebte Akademisierung der Ausbildung langsam reaktiviert, indem eine Oberschule in Kurzform angegliedert und der berufsbildende Teil in drei-, später viersemestrigen Studien konzentriert wurde. Diese Oberschule erhielt 1952 die Bezeichnung „Deutsches Gymnasium“, indem die Ungebundenheit des erreichbaren Schulabschlusses zum Ausdruck kam. Gleichzeitig wurde die Lehrerbildungsanstalt in „Institut für Lehrerbildung“ umbenannt. Beide Einrichtungen blieben jedoch unter einer Leitung und wurden zwischen 1954 und 1956 noch einmal in der verbundenen Bezeichnung „Deutsches Gymnasium und Institut für Lehrerbildung“ in enge Beziehung zueinander gesetzt. Tatsächlich war aber eine zunehmende Verselbständigung beider Einrichtungen wünschenswert und drängte zu einer Lösung in neuen Formen. Schließlich durfte auch die Bezeichnung als Institut nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach dem Funktionsverständnis nicht etwa der Institutsleiter auch dem Gymnasium vorstand, sondern umgekehrt der Direktor des Gymnasiums den höchsten Rang im Institut bekleidete.[3]

Die Pädagogische Hochschule Bayreuth und ihr Weg in die neue Universität (1958-1977)

Unter Ministerpräsident Hanns Seidel kam es 1958 zur Verabschiedung des bayerischen Lehrerbildungsgesetzes, das diese pädagogische Ausbildung auf ein solides, konservativ geprägtes Fundament stellte. Die verbliebenen Institute für Lehrerbildung in Bayern wurden zu Pädagogischen Hochschulen, die jeweils einer Universität angegliedert wurden. So entstand in Bayreuth die „Pädagogische Hochschule Bayreuth der Universität Erlangen-Nürnberg“. Wenn man will, könnte man sagen, dass die Bayreuther von da an bereits ein Stück Universität in ihrer Stadt besaßen. Immerhin begannen sie, von „ihrer Universität“ zu sprechen, und meinten damit Erlangen.[4] Die Erinnerung an das Schicksal der markgräflichen Friedrichsakademie war wieder präsent. Aus ihrer Verlegung von Bayreuth nach Erlangen war 1743 die dortige Alma Mater entstanden, die nun in der Pädagogischen Hochschule nach Bayreuth ausgriff.

Mit der Einrichtung von Pädagogischen Hochschulen war die Ausbildung für das Volksschullehramt (Grund- und Hauptschule) zu einem wissenschaftlichen Studium geworden. Die Zahl der in Bayreuth Studierenden stieg beständig an. Waren es 1958 noch 147, so erreichte die Matrikel 1975 über 500 Studentinnen und Studenten. Zugleich zeichnete sich das Ende der räumlichen Einheit mit dem Gymnasium ab. Nach Vorarbeiten ab 1959 erteilte das Kultusministerium im März 1962 den Planungsauftrag für die Ausführung eines Neubaus für die Hochschule am Roten Hügel. Am 16. November wurde von Minister Theodor Maunz in einem feierlichen Akt, der mit einem Essen für geladene Gäste ausklang, der Grundstein für das Gebäude gelegt. Die Menüvorschläge des Hotels Bayerischer Hof sind im Universitätsarchiv noch erhalten.[5] Hans Walter Wild, der später bei der Universitätsgründung noch eine führende Rolle spielen sollte, war damals bereits als Oberbürgermeister unter den Teilnehmenden. Bis zur Eröffnung vergingen allerdings noch über vier Jahre. Am 26. Januar 1967 war es dann so weit. Mit einem Festgottesdienst in der Stadtkirche, den Landesbischof Hermann Dietzfelbinger hielt, wurde die Einweihung des neuen Hochschulgebäudes am Geschwister-Scholl-Platz begonnen. Im anschließenden Festakt in der Aula überreichte Kultusminister Ludwig Huber die Schlüssel an den neuen Hochschulvorstand Professor Wilhelm Kasch. Anwesend waren auch Finanzminister Konrad Pöhner und Landtagsvizepräsient Simon Nüssel, die beide aus dem Raum Bayreuth stammten.[6]

Als zwei Jahre darauf die Idee einer eigenen Universität in Bayreuth geboren war, trat die Pädagogische Hochschule immer mehr in den Hintergrund. Man wollte keine Universität auf eine bestehende Pädagogische Hochschule aufbauen. Der Beschluss des Landtags, die bayerischen Pädagogischen Hochschulen in Universitäten zu integrieren, stieß in Oberfranken sowohl in Bayreuth als auch Bamberg auf die Schwierigkeit, dass keine Universität vor Ort bestand. Professor Wolfgang Wild, der ab Juli 1971 dem Strukturbeirat der künftigen Universität Bayreuth vorstand, hatte sich bereits früh dafür eingesetzt, „dass die Gründung der Universität Bayreuth nicht durch Anhebung der PH Bayreuth, etwa zu einer erziehungswissenschaftlichen Fakultät, erfolgen sollte.“[7] Man fürchtete ein zu starkes Gewicht der Erziehungswissenschaften, das die Entwicklung der Universität zu anderen Schwerpunkten hin nachteilig beeinflussen könnte. Außerdem sähe man sich damit nicht in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Wissenschaftsrats, wurde argumentiert. Die Folge war schließlich, dass die Pädagogische Hochschule zum 1. Juli 1972 zur Zweiten Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg umgewandelt wurde. Gerade noch rechtzeitig gelangte sie am 1. Oktober 1975 als Fachbereich Erziehungswissenschaften in die Universität Bayreuth, um dort am 3. November zusammen mit den Fachbereichen „Mathematik und Physik“ und „Biologie, Chemie und Geowissenschaften“ den universitären Lehrbetrieb aufzunehmen. Nach der zügigen Zuordnung der pädagogischen Fächer zu den Fachdisziplinen wurden die Erziehungswissenschaften zum 1. Oktober 1977 aufgelöst und durch den neu eingerichteten Kulturwissenschaftlichen Fachbereich (Fakultät), der sich bis dahin im Aufbau befunden hatte, ersetzt.

Karsten Kühnel, Universitätsarchivar (2015)



[1] Zitiert nach: Christoph Pickel, Geschichtlicher Abriß über das vierzigjährige Bestehen der Schule. In: Jahresbericht der Deutschen Aufbauschule und der beiden letzten Klassen der Lehrerbildungsanstalt Bayreuth 1935/36. Bayreuth [1936], S. 27-34; hier: S. 27.

[2] Otto Engelmayer, 1895-1955 : 60 Jahre Lehrerbildung in Bayreuth. In: Jahresbericht des Deutschen Gymnasiums und Instituts für Lehrerbildung (fr. LBA) Bayreuth. – Bayreuth [1955], S. 1-9; hier: S. 6.

[3] Vgl. Theo Dietrich, Lehrerausbildung in Bayreuth und ihre Vorgeschichte. Bayreuth 2004, S. 154.

[4] Akademische Freiheit in der PH Bayreuth. In: Erlanger Tagblatt 16.2.1961.

[5] Universitätsarchiv Bayreuth (UnivABT), Akz. XIV/1/542 fol. 36.

[6] UnivABT, Akz. XIV/1/540.

[7] UnivABT, Akz. XIV/1/670 (Mappe 1): „Ergebnis der Besprechung zwischen Prof. Dr. Wild, München, und den o. Professoren der Päd. Hochschule Bayreuth am 10.5.71“.

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